Gladwell at GDI
Was unterscheidet erfolgreiche Menschen von den anderen? Dieser Frage ist Malcolm Gladwell nachgegangen. Am GDI Gottlieb Duttweiler Institute erzählte der Bestsellerautor am 28. Januar 2009 von seinen Erkenntnissen.
Wer glaubt, Erfolg beruhe vor allem auf individuellen Fähigkeiten, liegt falsch. So lautet die Kernthese Gladwells. Um erfolgreich zu werden, sei Zufall viel wichtiger als Talent. Diese überraschende Aussage belegte der berühmte Journalist in Rüschlikon anhand von Beispielen aus seinem neusten Buch «Outliers».
Sehr detailliert ging Gladwell in seinem Vortrag auf den kulturellen Hintergrund ein, der für ihn einen entscheidenden Faktor darstellt. Mit verschiedenen Beispielen aus der Aviatik – und insbesondere der Unfallforschung – zeigte der Autor, wie gefährlich Obrigkeitsgläubigkeit im Cockpit ist. So sei der Flug Avianca 052 im Januar 1990 nach einer Verknüpfung unglücklicher Zufälle vor allem deshalb bei New York abgestürzt, weil der Co-Pilot eingeschüchtert war und höflich bleiben wollte. In Gefahrensituationen müsse ein Co-Pilot aber einem übermüdeten Kapitän ungeachtet der Rangordnung deutlich widersprechen können, sonst sei das Risiko eines Misserfolgs gross. Kulturen mit starkem Hierarchiegefälle sind daher gemäss Gladwell ein weniger geeignetes Rekrutierungsfeld für Piloten – es sei denn, man schule sie bewusst um, so wie das etwa die Emirates systematisch gemacht hätten.
Im ausgedehnten Frage-und-Antwort-Teil seines Schweizer Auftritts nannte der illustre Querdenker weitere Beispiele für seine These. So weisen eine Reihe der erfolgreichsten Informatik-Unternehmer eine überraschende Gemeinsamkeit auf: Bill Gates (Microsoft), Steve Jobs (Apple) und Eric Schmidt (Google) sind alle 1955 geboren und waren 1976, als die Computer-Revolution begann, 21 Jahre alt – im besten Alter also für den Aufbruch, neugierig, risikobereit, ungebunden. Dass die jungen Männer auch begabt waren, stellte Gladwell gar nicht in Abrede. Aber, und darum ging es ihm, sie hätten zu einem anderen Zeitpunkt kaum das Gleiche erreicht.
Das gelte auch für viele der in Amerika wie Helden verehrten Footballstars, wie Gladwell in einem weiteren Beispiel zeigte. Bezeichnenderweise wurden nämlich die meisten von ihnen am Jahresanfang geboren und waren somit zum Zeitpunkt der Eintrittstests körperlich am weitesten entwickelt. Danach erhielten sie ein so intensives und ausserordentliches Training, dass sie fast zwangsläufig zu den besten geworden seien. Und Übung sei wichtig, zehntausend Stunden brauche es, bis jemand etwas wirklich gut könne. Auch bei den Topspielern habe also nicht allein Talent, sondern eben auch der Zufall des Geburtstages den Ausschlag gegeben. Die Vorstellung einer Meritokratie, in der die Talentiertesten obsiegten, sei jedenfalls falsch, das Auswahlsystem in Wirklichkeit zutiefst willkürlich.
Die verschiedenen Beispiele belegen für Gladwell vor allem Eines: Dass wir oftmals von falschen Annahmen ausgehen, wenn wir Erfolg beurteilen. In Wirklichkeit spielten bisher vernachlässigte Faktoren eine viel zentralere Rolle als angenommen. Darüber zum Nachdenken anzuregen, das war Malcolm Gladwells Mission.